091. Schnell, Andrea

  • Titel:
    Isadora (aus der Serie Nachtstücke)
  • Entstehungsjahr:
    2010
  • Technik:
    Tusche, Kreide auf Papier
  • Format:
    Rahmen: 53 x 63 cm, Bild: 40 x 50 cm
  • Signatur:
    unten rechts signiert, datiert
  • Rahmen:
    gerahmt
  • Aus der Serie:
    aus der Serie "Nachtstücke"
  • Weihnachtspreis:
    950,-

(…)

Das Material wurde gegenüber diesem hellen Lichtgeist als untere Ebene abgetan, doch das Erdige bleibt entscheidend wie das Schwarz, der Urstoff, die Urmaterie. Nur die wortgläubigen Bildfeinde blieben im Konzept, der Idee verhaftet. In „Isadora” tanzt sich eine erdfarbene Frau in kreidiger Trockenheit aus dem flüssigen Schwarz auf rotbrauner Wiese in den Vordergrund. Die Arme werden ausbalancierend weggestreckt, um den runden Körper in Waage zu halten und nicht umzukippen. Das melancholisch anmutende Gesicht ist noch vom Schwarz umgeben wie mit einer Haube, Mund und Auge vereinen sich zum Ausdruck „spitz” – zwischen provokant und verschlossen, ganz im Gegensatz zur heftigen Bewegung des Körpers. Diese Wesen leben aus ihrer sinnlichen Präsenz, sie haben keine Angst vor einem Absturz wie in „Sturz” und „Vom Fliegen”. Doch auch da ist das Scheitern produktiv.

Schnells Vorgangsweise in bewusster werdenden Phasen passiert mit den jeweilig passenden Techniken: der absichtslose Beginn passiert mit Tusche, flüssig, klecksig, Richtungen gebend. Dann folgen das bewusste Eingreifen und das verzögernde Herausarbeiten, wenn es davor zu langsam geht mit dem Trocknen, setzt die Künstlerin einen warmen Föhnwind ein. Die Gesichter radiert sie heraus (mit Radiergummi nicht in Drucktechnik) und akzentuiert mit trockenen Kreiden. Als letzte Phase wird die parallel einsetzende Ahnung, um wen oder was es sich handelt, in Worte gefasst. Doch nicht immer findet sich ein Titel. Das Bild besteht auch so. Erdfarben bekommen bei Schnell den Vorzug vor Blau, Grün oder Gelb, sie passen mehr zum alten Ritual der Erinnerungsfetzen aus dem Ursächlichen. Aus dem frühen Ritual des Tanzes rettet sie sich das Spielerische, den anarchischen Akzent des „Homo ludens”. Als künstlerisches Vorbild ist er ein Selbstgenügsamer, dem Drama und der Obsession, die er ab und zu erleidet, abgeneigt, indem er ins scheinbar Harmlose wandelt. Das ist dann ein naher Verwandter des Ironischen, der Grille, den Moriskentänzen der Närrin, die ein weiteres Symbol für ein gestaltendes und erfüllendes Doppelleben abgibt. Kunstland als Ausland des Selbst, in dem sich auch das Fliegen nicht nur als sexuelle Intention orten lässt, denn der kleine „Unfried” wirkt weiblich, ist vielleicht Platons wiedervereintes Androgyn in Bilderschrift.

Auszug vom Text “Unterbewusstes als inspirierende Nachtseite der Vernunft” von Dr. Brigitte Borchardt-Birbaumer aus dem Katalog „Andrea Schnell: Nachtstücke”, 2010

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